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Multiple Sklerose

Epidemiologie und Therapie

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Epidemiologie (1)

Auf Basis von Routinedaten der österreichischen Sozialversicherungsträger wurden die Erkrankungshäufigkeit und die Neuerkrankungsrate der Multiplen Sklerose (MS) erhoben. 13.205 Personen hatten im Analysezeitraum 2010 – 2013 entweder einen Krankenhausaufenthalt
mit der Diagnose MS oder eine MS-spezifische Medikation. Mittels eines validen
statistischen Modells konnte auch abgeschätzt werden, wie viele MS-Patienten und -Patientinnen trotz bestehender Erkrankung in den SV-Daten nicht abgebildet sind. Mit der capture-recapture-Methode können unter Einschluss von 2 Datenquellen auch jene Patienten abgeschätzt werden, die im Untersuchungszeitraum weder einen Krankenhausaufenthalt mit MS-Diagnose noch eine MS-Medikation im niedergelassenen Bereich hatten. Die Jahresprävalenz lag 2013 bei 13.340 Personen (95-prozentiges Konfidenzintervall: 11.811–14.870) und die Neuerkrankungen bei 1.638 Personen (1.209 – 2.070).

Das statistische Modell zur Erhebung von MS-Patienten, die keine medikamentöse Therapie erhalten konnten/wollten, weist ca. 1.600 Patienten und Patientinnen aus. Allerdings hat sich die Anzahl der verfügbaren Wirkstoffe für die Therapie der MS in den letzten Jahren deutlich gesteigert, weitere werden
erwartet (Masitinib, Ofatumumab, Ozanimod, Ponesimod, Siponimod etc.). Die Anzahl an MS-Patienten, denen kein passendes Therapiekonzept angeboten werden kann, wird sich daher deutlich reduzieren.

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Therapie (2)

  • Zwei europäische Fachgesellschaften (European Academy of Neurology und European Committee of Treatment of Research in Multiple Sclerosis) haben die aktuellen Leitlinien zur Therapie der MS
    publiziert und geben folgende Empfehlungen ab:
  • Die Therapie soll von einschlägigen Zentren initiiert und überwacht werden.
    Interferon oder Glatiramer sind die Therapien der Wahl beim klinisch isolierten Syndrom.
  • Die Therapie bei schubförmiger MS soll frühzeitig beginnen.
  • Interferon beta-1b, Interferon beta-1a und Glatiramer sind die Basismedikamente
    bei schubförmiger MS. Die fakultativ notwendige Folgetherapie mit Teriflunomid, Dimethylfumarat, Cladribin, Fingolimod, Daclizumab (Anm. der Redaktion: bereits wieder vom Markt genommen), Natalizumab oder Alemtuzumab ist von der Patientencharakteristik
    und den Begleiterkrankungen abhängig, der Schwere der Erkrankung, dem Medikamenten-Nebenwirkungsprofil und der Verfügbarkeit der Substanzen in den jeweiligen Gesundheitssystemen.
  • Bei sekundär progredienter MS steht Interferon im Vordergrund, bei notwendiger Folgetherapie Mitoxantron.
  • Bei primär progredienter MS hat nur Ocrelizumab eine Zulassung (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Leitlinie bezog sich die Empfehlung auf die Zulassungsstudie, die EMA-Zulassung erfolgte erst am 08.01.2018).


Zur Therapiekontrolle wird empfohlen:

  • MRT: 6 Monate und 12 Monate nach Therapiestart
  • Standardisierte MRT-Protokolle sollen von MS-Erfahrenen beurteilt werden, dies inkludiert auch das Monitoring einer möglichen multifokalen Leukoenzephalopathie

Zusätzlich wird empfohlen, die Vorgaben der Fachinformationen betreffend der Dosierungsempfehlung, den Warn- und Vorsichtshinweisen und den Kontraindikationen zu beachten.

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Intravasale Immunglobuline

Keine Zulassung für die MS haben die intravasalen Immunglobuline (IVIg). Sie werden in der aktuellen europäischen Leitlinie (2) nicht einmal angeführt.

Auch die Österreichische Multiple Sklerose Gesellschaft bewertet die IVIg sehr kritisch (3) – Das Wesentliche in Kürze:

  • Eine immunmodulierende Basis-Therapie der MS mit IVIg gilt aufgrund neuer Erkenntnisse als obsolet und ist daher zur Behandlung der MS nicht zugelassen („Off-Label-Use“).
  • IVIg können in speziell begründeten Einzelfällen für eine begrenzte Zeit ach der Geburt als Schubprophylaxe in einer Dosierung von monatlich 0,2g/kg KG herangezogen werden („Reservemedikament“), eine postpartale Behandlung mit IVIg wird aber nicht generell empfohlen.
  • Ausschließliches Stillen hat einen moderaten schubmindernden Effekt.
  • In den vergangenen Jahren sind neue krankheitsmodifizierende Medikamente zur Therapie der schubförmigen MS zugelassen worden, die ihre Wirksamkeit durch randomisierte, kontrollierte
    Studien („Goldstandard der klinischen Forschung“) belegen konnten. Es steht adurch heute ein größeres Therapiespektrum zur Verfügung. Die früher berechtigte Möglichkeit, IVIg als „Zweite-Linie-Therapie“ bei Unverträglichkeit oder fehlender Wirksamkeit einer Basistherapie mit Interferon-beta oder Glatirameracetat einzusetzen, ist dahernicht mehr zutreffend. 
  • 2011 wurden im Rahmen des Projektes „Prävalenz der MS“ Daten über die Behandlung in Österreich erhoben.(4) Der hohe Prozentsatz von 12 Prozent an MS-Betroffenen, welche zum gegebenen
    Zeitpunkt eine IVIg-Therapie erhielten, zeigt auf, dass eine Aufklärung über die aktuelle Studienlage
    dringend erforderlich ist.


Auch bestehende Therapien mit intravasalen Immunglobulinen bei MS-Patienten und -Patientinnen sollten einer kritischen Überprüfung unterzogen werden.


DI Berthold Reichardt, BGKK

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Literatur

1) Salhofer-Polanyi S, Cetin H, Leutmezer F, Baumgartner A, Blechinger S, Dal-Bianco A, Altmann P,
Bajer-Kornek B, Rommer P, Guger M, Leitner-Bohn D, Reichardt B, Alasti F, Temsch W, Stamm T: Epidemiology of Multiple Sclerosis in Austria. Neuroepidemiology. 2017; 49 (1-2) : 40-44

2) Montalban X, Gold R, Thompson AJ, Otero-Romero S, Amato MP, Chandraratna D, Clanet M, Comi G, Derfuss T, Fazekas F, Hartung HP, Havrdova E, Hemmer B, Kappos L, Liblau R, Lubetzki C, Marcus E, Miller DH, Olsson T, Pilling S, Selmaj K, Siva A, Sorensen PS, Sormani MP, Thalheim C, Wiendl H, Zipp F: ECTRIMS/EAN guideline on the pharmacological treatment of people with multiple sclerosis.
Mult Scler. 2018 Jan 1:1352458517751049 
http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/1352458517751049 (Zugriff am 15.02.2018)
Eur J Neurol. 2018 Feb;25(2):215-237
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/ene.13536/epdf (Zugriff am 15.02.2018)

3) Stellungnahme des Ärztebeirats der ÖGMS
http://www.oemsg.at/artikel/datum/2015/02/18/therapie-der-multiplen-sklerose-im-wandel-gibtes-
noch-eine-berechtigung-fuer-den-einsatzintraven/ (Zugriff am 15.02.2018)

4) Baumhackl U (Hg) (2014) Multiple Sklerose. Prävalenz und Therapie im 12-Jahres-Vergleich in Österreich (Facultas Verlag)