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Bluthochdruck:
Aktuelle Empfehlungen aus den USA

Bei der Jahrestagung der „American Heart Association“ im November 2017 wurde die neue US-amerikanische Empfehlung zur Prävention, Erkennung, Abklärung und Behandlung des Bluthochdrucks bei Erwachsenen vorgestellt. Von den zahlreichen Empfehlungen wurden vor allem die im Vergleich zu früheren Richtlinien niedrigeren Blutdruckzielwerte (<130/80 mmHg) in Laienmedien ausführlich kommentiert*.

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Hintergrund der Empfehlungen

Um die amerikanische Position zu verstehen, muss man folgende Fakten kennen:

  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Herzinfarkt, Herzschwäche, Schlaganfall) sind in den westlichen Ländern die häufigsten Todesursachen.
  • Erhöhter Blutdruck ist weltweit die wichtigste Ursache für einen vorzeitigen Tod und für ein Leben mit Behinderung.
  • Ab einem Blutdruck von 115/75 mmHg steigt das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzschwäche an, wobei etwa ab dem 60. Lebensjahr der obere Blutdruckwert (der systolische Blutdruck) der wichtigere Wert ist.
  • Eine große Untersuchung in den USA hat vor etwa 2 Jahren bewiesen, dass ein Zielblutdruck deutlich unter 140 mmHg (systolischer Blutdruck) vorteilhaft ist und von den meisten Patienten auch sehr gut vertragen wird. Dies wurde durch einige Meta-Analysen, die vorhandene Untersuchungen zusammengefasst ausgewertet haben, bestätigt.

 Die amerikanischen Kollegen haben die verfügbaren Studien bewertet und Handlungsanweisungen zusammengestellt, die letztlich viele Herz-Kreislauf-Erkrankungen verhindern sollen.

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Was empfehlen die US-amerikanischen Fachgesellschaften?

Die Höhe des Blutdrucks (gemessen beim Arzt, der Ärztin bzw. in der Ambulanz) sollte in folgende Kategorien eingeteilt werden: normal, erhöht, Hypertonie (=Bluthochdruck) Stadium 1, Hypertonie Stadium 2. Diese Einteilung ist Folge der Untersuchungen, die ab 115/75 mmHg einen Anstieg des Risikos für Herz-Kreislauf-Erkrankungen gezeigt haben.


Bluthochdruck - Tabelle 1





Tabelle 1: Einteilung des Blutdrucks nach der US-Empfehlung 2017


Um die Diagnose „Bluthochdruck“ korrekt stellen zu können, muss die Blutdruckmessung richtig durchgeführt werden.Da der Blutdruck stark schwankt, muss die Messung immer unter gleichen Bedingungen erfolgen. Dies gilt für die Arztmessung sowie auch für die Selbstmessung. Einzelne wichtige Punkte sind in folgender Tabelle aufgeführt.

Bluthochdruck - Tabelle 2 Tabelle 2: Richtiges Blutdruckmessen bei der Ordinations- und Selbstmessung (adaptiert nach der amerikanischen Empfehlung)


Zur Bestätigung der Diagnose „Bluthochdruck“ und zur Einstellung der Blutdrucktabletten ist die alleinige Blutdruckmessung in der Arztpraxis nicht ausreichend. Zusätzlich ist eine 24-Stunden-Blutdruckmessung oder eine Blutdruck-Selbstmessung erforderlich.

Der Blutdruck schwankt auch bei gesunden Menschen stark. So können die Blutdruckwerte zuhause oder am Arbeitsplatz deutlich höher oder tiefer liegen als in der Arztpraxis. Daher ist eine Messung im Alltag meist nötig, um eine zu starke oder eine unzureichend starke medikamentöse Blutdrucktherapie zu vermeiden.

Besonderes Augenmerk wird auf nicht-medikamentöse Maßnahmen zur Blutdrucksenkung gelegt. Diese nicht-medikamentösen Maßnahmen werden schon bei erhöhtem Blutdruck (120–129/<80 mmHg) empfohlen, verstärkt bei echtem Bluthochdruck. Die nicht-medikamentösen Maßnahmen umfassen vor allem die Gewichtsreduktion bei Übergewicht oder Fettsucht, gesunde Ernährung (z. B. viel Obst und Gemüse), die Verringerung des Kochsalz-Konsums, vermehrte körperliche Aktivität (am besten in einem strukturierten Programm) sowie die Einschränkung des Alkoholkonsums.

Die Notwendigkeit einer Blutdrucksenkung mit Medikamenten hängt von der Höhe des Blutdrucks und vom Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ab. Bei höherem Risiko ist ein niedrigerer Blutdruck zu empfehlen, um die erhöhte Gefahr von Herzinfarkt, Schlaganfall und dem Tod an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verringern. Die Grenzwerte sind die Folge der Auswertungen der oben erwähnten Studien. Aus diesen Grenzwerten folgt, dass der Blutdruckzielwert bei den meisten Patienten <130/80 mmHg (Praxis-Blutdruck) liegt. Derselbe Wert gilt auch für den Mittelwert der Blutdruckwerte in der Selbstmessung und für den Mittelwert der Tageswerte in der 24-Stunden-Blutdruckmessung.


Bluthochdruck - Tabelle 3






Tabelle 3:Wann ist eine medikamentöse Hochdrucktherapie zu empfehlen?

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Wie wurde die US-amerikanische Empfehlung kommentiert?

Die Reaktionen in der Kollegenschaft waren großteils positiv. Die Empfehlung ist praxisnahe formuliert und leicht anwendbar, der wissenschaftliche Hintergrund gut nachvollziehbar. Das Ziel – die Verhinderung von Herzinfarkten, Herzschwäche, und Schlaganfällen (Todesursachen Nummer eins), ist gut verständlich und auch erreichbar. Zu bedenken ist – und das wird in der Empfehlung ja auch betont – dass die neuen, relativ niedrigen Blutdruckwerte nicht von allen Patienten und Patientinnen vertragen werden, worauf man im Einzelfall natürlich Rücksicht nehmen muss.

Die Reaktionen in der Laienpresse waren geteilt. Öfters wurde der Vorwurf erhoben, die niedrigeren Blutdruck-Zielwerte sollten nur den Absatz der Blutdruckmedikamente ankurbeln. Gerade im Zeitalter der „Fake-News“ muss man diesem Argument auf den Grund gehen. Dabei stellt sich aber heraus, dass sich die Empfehlungen durch die Datenlage der Studien eindeutig begründen lassen. Natürlich muss noch hinterfragt werden, wer diese Studien durchgeführt und finanziert hat. Auch hier ist die Antwort eindeutig, die wichtigsten neuen Untersuchungen wurden vom National Heart, Lung and Blood Institute (NHLBI) –  einem Teil der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde – organisiert und somit öffentlich und firmenunabhängig finanziert und ausgewertet.

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Was bedeutet das für Österreich?

Auch in unserem Land müssen wir zunächst die Ausgangssituation untersuchen und verstehen. Die Bedeutung des Risikofaktors „Bluthochdruck“ im Speziellen und die Wichtigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen als Todesursache Nummer eins sind auch in Österreich unbestritten. Zusätzlich wissen wir aus ganz neuen Untersuchungen in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark, dass eine hohe Anzahl an Personen mit Bluthochdruck bislang unentdeckt ist („Dunkelziffer“) und dass nicht einmal die Hälfte der Patienten und Patientinnen mit Bluthochdruck die derzeitigen Zielwerte (< 140/90 mmHg) erreicht. Die Studien, auf denen die US-amerikanische Empfehlung beruht, wurden in den letzten beiden Jahren mehrfach von der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH) besprochen und bewertet. Wir, d. h. die ÖGH, haben dabei einen Blutdruckzielwert für die Arzt-Messung von deutlich unter 140 mmHg systolisch (am ehesten zwischen 120 und 130 mmHg)  empfohlen, was gut zu der US-amerikanischen Empfehlung passt. Detaillierte Empfehlungen für unser Land sind gerade in Arbeit.

Es wird aber großer Anstrengungen aller Beteiligten (Ärzte und Ärztinnen, Apotheker und Apothekerinnen, Krankenkassen sowie des diplomierten Pflegepersonals), vor allem aber auch der Patienten und Patientinnen bedürfen, um eine spürbare Verbesserung in Österreich zu erreichen.

 

PD Dr. Thomas Weber
Kardiologische Abteilung Klinikum Wels-Grieskirchen, Wels/Österreich
Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie


* Das umfangreiche Dokument fasst in 15 Kapiteln auf mehr als 170 Seiten die neuesten Erkenntnisse zusammen und gibt Handlungsvorschläge.