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Diabetes und Hypertonie im Alter

Behandeln wir ältere Diabetiker mit Hypertonie zu intensiv?

Die Analyse einer retrospektiven US-Kohortenstudie1 mit rund 212.000 Diabetikern im Alter über 70 Jahren, die mit Antihypertensiva (außer ACE-Hemmer oder AT-II-Blocker) oder Antidiabetika (außer Metformin) behandelt wurden, zeigt interessante Ergebnisse.

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Hauptzielgröße war die Frage, ob eine Therapie-Anpassung (De-Intensifikation) stattfand, wenn die Blutdruckwerte als sehr niedrig (< 120/65 mmHg) oder niedrig (< 130/65 mmHg) bzw. der HbA1c-Wert als sehr niedrig (< 6,0 Prozent) oder relativ niedrig (< 6,5 Prozent) eingestuft wurden.


Es zeigte sich, dass bei nur 16 Prozent der rund 26.000 Patienten mit niedrigen RR-Werten und 18,8 Prozent der rund 82.000 Patienten mit sehr niedrigen RR-Werten eine Dosisreduktion durchgeführt wurde. Eindrucksvoll ist auch, dass bei nur 0,2 Prozent der Patienten und Patientinnen mit einem sehr niedrigen RR-Wert im Follow-up ein RR > 140/90 mmHg dokumentiert wurde.  In der Diabetiker-Kohorte wurde bei nur 20,9 Prozent der rund 24.000 Patienten mit einem HbA1c < 6,5 Prozent und bei 27 Prozent der rund 13.000 Patienten mit einem HbA1c < 6 Prozent eine Dosisreduktion vorgenommen. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass in dieser geriatrischen Population eine deutliche Übertherapie stattfindet.


Auch eine weitere US-Studie2 hat Daten von rund 1300 Personen über 65 Jahren mit Diabetes mellitus aus dem NHANES (National Health and Nutrition Examination Survey) im Zeitraum von 2001 bis 2010 untersucht. Dabei zeigte sich, dass 61,5 Prozent einen HbA1c-Wert < 7 Prozent hatten, unabhängig davon, ob ihr Gesamtgesundheits-Status als schlecht, intermediär oder relativ gesund eingestuft wurde. 54,9 Prozent dieser Patienten und Patientinnen wurden mit einer Kombination (Insulin und Sulfonylharnstoff) behandelt, einer Therapieform, die ein beträchtliches Hypoglykämie-Risiko darstellt.


Zum gleichen Thema zeigte eine Studie des Departement of Veterans Affairs, dass etwa 50 Prozent der Patienten mit einem deutlichen Hypoglyämie-Risiko (Alter < 75 a, Kreatinin > 2 mg/dl, kognitive Einschränkung) unter einer Therapie mit Insulin und Sulfonylharnstoff und einem HbA1c < 7 Prozent einer Übertherapie unterzogen wurden. Zwischenzeitlich sind bei der älteren US-Population Akutaufnahmen häufiger durch Hypo- als durch Hyperglykämien bedingt und Antidiabetika für 25 Prozent der Arzneimittel-assoziierten Notaufnahmen verantwortlich.


Wie in Arznei und Vernunft (Diabetes mellitus Typ2) aktuell empfohlen, sollte daher eine Absenkung des HbA1c-Wertes auf unter 6,5 Prozent nur dann erfolgen, wenn diese durch eine alleinige Änderung des Lebensstils erreichbar ist oder mit Medikamenten erzielt werden kann, die ein nur gering erhöhtes Risiko für bedeutende Nebenwir­kungen mit sich bringen (z. B. schwere Hypoglykämien, substantieller Gewichtsanstieg, Herzinsuffizienz). 


Dr. Bernhard Graf

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Literatur

1„Rates of deintensification of blood pressureand glycemic medaction treatment based on levels of control and life expectancy in older patientes with diabetes mellitus“ (JAMA Intern Med. 2015)
 2„Potential overtreatment of diabetes mellitus in older adults with tight glycemic control“ (JAMA Intern Med. 2015)
 „Assessing potential glycemic overtreatment in persons at hypoglycemic risk“ (JAMA Intern Med. 2014)

 „Behandlung des Typ-2-Diabetes beim alten Patienten“ (Internist 2014 · 55:762)