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Vasoprotektiva

Häufige Verordnung bei unzureichender Evidenz

Die Verordnung von Vasoprotektiva/kapillarstabilisierenden Mitteln (ATC-Code C05C) ist in Österreich weit verbreitet: Mehr als 320.000 Patientinnen und Patienten bekamen 2014 zumindest eine Packung von Venoruton, Daflon, Reparil, Venosin oder Doxium auf Kosten der Krankenversicherungsträger verordnet. In Summe entstanden dabei für rund 2,5 Mio. abgerechnete Packungen Aufwendungen von knapp 20 Mio. Euro.

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Zum Vergleich: dies entspricht in etwa so vielen Patienten und Patientinnen wie bei oralen Antidiabetika, so vielen Packungen wie bei Urologika (ATC G04, z.B. Tolterodin, Tamsulosin) und Kosten wie bei Cholinesterasehemmern. Konträr zur hiesigen Popularität der Vasoprotektiva ist jedoch deren vorliegende Evidenzlage: Ein rezenter systematischer Review des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Health Technology Assessment (LBI-HTA) konnte keine ausreichende Evidenz für die Wirksamkeit der genannten Produkte für die Behandlung von chronisch-venöser Insuffizienz oder Hämorrhoiden feststellen.(1) Es sei bei der Analyse vieler der insgesamt 56 eingeflossenen Studien außerdem „… fraglich, ob Studien aus den 1980er Jahren mit heutigen Kriterien bewertet werden können.“ Fraglich ist somit auch die Sinnhaftigkeit der Verordnung solcher Arzneimittel mit unzureichender Evidenzlage.


Tabelle 1: Kosten (exkl. USt.), Verordnungen (=Packungen), Patienten und Patientinnen für die Gesamtheit aller Heilmittel sowie für kapillarstabilisierende Mittel (C05C), Abrechnungsjahr 2014

Kosten, Verordnungen, Patienten und Patientinnen für alleHeilmittel sowie für kapillarstabilisierende Mittel, Abrechnungsjahr 2014






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Aspekt Polypharmazie

Die Verordnung von Wirkstoffen mit unzureichender Evidenz, also z.B. Vasoprotektiva, sollte aber auch nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Polypharmazie überprüft werden. Polypharmazie ist aus zweierlei Gründen problematisch:

Erstens steigt das Wechselwirkungspotenzial massiv an – und zwar von sechs möglichen Interaktionen bei vier Medikamenten auf 45 mögliche Interaktionen bei zehn Medikamenten. Analog dazu steigt das tatsächliche Risiko für Wechselwirkungen mit der Zahl der eingenommenen Medikamente – bei zwei Medikamenten beträgt die Wahrscheinlichkeit für Wechselwirkungen sechs Prozent, bei acht Medikamenten 100 Prozent.(2) In einer Salzburger Studie waren Medikamenten-Nebenwirkungen der Grund für 57 Prozent der Hospitalisierungen der über 71-Jährigen.(3)

Zweitens nimmt die Einnahmetreue (Compliance bzw. Adhärenz) mit der Anzahl der Medikamente stark ab.(4,5) Da die Auswahl, welche Medikamente tatsächlich eingenommen werden, seitens der Patientinnen und Patienten oft zufällig bzw. willkürlich erfolgt, erhöht Polypharmazie somit auch die Gefahr von Verschlechterungen einer Krankheit durch Unterversorgung.(6)

In der Praxis ist die Verordnung von Vasoprotektiva im Kontext der Polypharmazie umso problematischer, je mehr diese Patienten und Patientinnen von Polypharmazie betroffen sind. Wenn z.B. eine Patientin neben dem Vasoprotektivum nur einen einzigen anderen Wirkstoff erhält, hat dies nur eher geringe Auswirkungen auf das Wechselwirkungspotenzial und die Adhärenz. Wenn ein Patient jedoch beispielsweise nebenbei noch neun andere Wirkstoffe erhält, sind Wechselwirkungsrisiko und Beeinträchtigung der Adhärenz potenziell sehr hoch und es sollte eine Reduktion der Polypharmazie angestrebt werden.

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Versorgungsrealität in Österreich

Wie ist nun die Versorgungsrealität in Österreich? Anhand von Abrechnungsdaten der österreichischen Krankenversicherungsträger (exkl. Betriebskrankenkassen) wurde untersucht, wie hoch die Anzahl an unterschiedlichen verordneten Wirkstoffen (= Zählung der ATC-Codes der 5. Ebene) der Patienten und Patientinnen ist (Abb. 1 und 2). Dabei wurde unterschieden, ob die Personen ein Vasoprotektivum erhielten oder nicht. Für den objektiven Vergleich wurden die Vasoprotektiva selbst von der Zählung der Wirkstoffe ausgenommen. Es wurde das Verordnungsjahr 2014 betrachtet.

Es zeigt sich, dass sowohl bei Männern als auch bei Frauen über alle Altersgruppen hinweg Vasoprotektiva-Patienten und -Patientinnen im Jahresverlauf eine höhere Anzahl an Wirkstoffen verordnet bekommen als die Vergleichsgruppe mit zumindest einem Wirkstoff, aber ohne Vasoprotektiva (Abb. 1 und Abb. 2). Je nach Altersgruppe liegt der Unterschied bei rund 1 bis 4 zusätzlichen Wirkstoffen – inklusive der Vasoprotektiva also bei 2 bis 5 Wirkstoffen. So erhielten z.B. im Jahr 1950 geborene Männer mit zumindest einem Wirkstoff im Schnitt rund 6 unterschiedliche Wirkstoffe pro Jahr, während jene, die ein Vasoprotektivum erhalten, darüber hinaus durchschnittlich mehr als 9 Wirkstoffe bekamen (Abb. 1). Bei Frauen mit Geburtsjahrgang 1950 sind es gut 6 sowie 10 Wirkstoffe bei Vasoprotektiva-Patientinnen (Abb. 2). Vasoprotektiva erhalten also jene Patienten und Patientinnen, die durchschnittlich deutlich stärker von Polypharmazie betroffen sind. Angesichts der Problematik, die Polypharmazie mit sich bringen kann, ist die Verordnung von Vasoprotektiva in der täglichen Praxis umso mehr zu überprüfen.


Abbildung 1: Durchschnittliche Anzahl der im Jahr 2014 verordneten Wirkstoffe bei männlichen Patienten mit bzw. ohne Vasoprotektiva-Medikation, Geburtsjahrgänge 1920-1985

Quelle: maschinelle Heilmittelabrechnung der KV-Träger exkl. Betriebskrankenkassen, inkludiert sind nur Patienten mit zumindest einem Wirkstoff

Durchschnittliche Anzahl der im Jahr 2014 verordneten Wirkstoffe bei männlichen Patienten mit bzw. ohne Vasoprotektiva-Medikation, Geburtsjahrgänge 1920-1985







Abbildung 2: Durchschnittliche Anzahl der im Jahr 2014 verordneten Wirkstoffe bei weiblichen Patienten mit bzw. ohne Vasoprotektiva-Medikation, Geburtsjahrgänge 1920-1985

Quelle: maschinelle Heilmittelabrechnung der KV-Träger exkl. Betriebskrankenkassen, inkludiert sind nur Patientinnen mit zumindest einem Wirkstoff

Durchschnittliche Anzahl der im Jahr 2014 verordneten Wirkstoffe bei weiblichen Patienten mit bzw. ohne Vasoprotektiva-Medikation, Geburtsjahrgänge 1920-1985





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Fazit

Aufgrund von unzureichender Evidenz sollte die Verordnung von Vasoprotektiva generell kritisch überprüft werden. Da die Versorgungsrealität zeigt, dass in Österreich Vasoprotektiva tendenziell jenen Patienten und Patientinnen verordnet werden, die ohnehin schon eine höhere Anzahl an Wirkstoffen erhalten, verschärft deren Verordnung außerdem die Polypharmazie-Problematik. Der Einsatz von Venoruton, Daflon, Reparil, Venosin oder Doxium sollte daher stets kritisch hinterfragt werden.


Autor:
Mag. Manfred Hinteregger, Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger
Abteilung Evidenzbasierte Wirtschaftliche Gesundheitsversorgung (EWG)

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Literatur

1 ) Fischer S, Zechmeister-Koss I. Vasoprotectives: Efficacy and safety of capillary stabilising agents for venous insufficiency or haemorrhoidal diseases. LBI-HTA Project Report No.: 79, 2014, Wien: Ludwig-Boltzmann-Institut für Health Technology Assessment.
Veröffentlicht unter: http://eprints.hta.lbg.ac.at/1047/

2) Cadieux RJ. Drug interactions in the elderly. Postgrad Med 1989; 86: 179-86.

3) Schuler J,  Dückelmann C, Beindl W, Prinz E, Michalski T, Pichler M. Wien Klin Wochenschr. 2008; 120 (23-24): 733-41.

4) Pasina L, Brucato AL, Falcone C, Cucchi E, Bresciani A, Sottocorno M, et al. Medication non-adherence among elderly patients newly discharged and receiving polypharmacy. Drugs Aging. 2014; 31(4): 283-9.

5) Rottlaender D, Scherner M, Schneider T, Erdmann E. Multimedikation, Compliance und Zusatzmedikation bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen. Dtsch Med Wochenschr 2007; 132: 139–144.

6) Kuijpers MA, van Marum RJ, Egberts AC, Jansen PA, Group OS. Relationship between polypharmacy and underprescribing. Br J Clin Pharmacol. 2008; 65(1): 130-3.